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über_Tarlabaşı, 2013, 5-Kanal-Videoinstallation, Sound (Ausstellungsansicht galerie januar Bochum)
// above_Tarlabaşı, 2013, 5-channel-video-projection, sound
vimeo link: http://vimeo.com/85194285
Fotos // photos: Jens Sundheim

(...) Das himmlische Tuch wurde von Winter in den dunklen Keller ihrer Artist-in-Residence-Wohnung in Istanbul geholt und dort auf einen Durchbruch in der Wand projiziert, sodass die Projektion nicht auf eine plane Fläche trifft, sondern gespalten und gebrochen teils auf die Wand und teils auf Treppenstufen scheint. Im zweiten Keller, jetzt in Langendreer, verflüchtigt sich das Tuch in einer Transparenz, die die Wandoberflächen der beiden Keller zu Tage treten lässt. Denn nicht nur derjenige in Istanbul besticht durch Ecken, Durchbrüche und eine raue Wandhaptik, auch in der galerie januar sind die fünf Projektionen verzerrt, gedehnt, und geknickt. Die Projektionsflächen strahlen auf Überecksituationen oder schräg auf die Wände, sodass das Rechteck der Projektion wie auseinander gezogen und geknickt erscheint. Zudem dreht sich der Betrachter selbst und bewegt sich, lässt den Blick von einer Projektion zur nächsten schweifen und nimmt die Gleichzeitigkeit der Bilder an. Die räum-liche Verortung fällt schwer, denn die gefilmte Projektion auf die besondere architektonische Situation im Istanbuler Keller verwirrt durch den Auftritt der Künstlerin im Film, die die Treppen auf- und abschreitet. (...)

Formal gesehen, ist die zu hörende Soundspur des rufenden Muezzins wie eine Übersetzung der Bewegungen des Tuches. Die Stimme dehnt einzelne Vokale in lang anhaltende Töne um dann mit einer wellenartigen Melodie die Sätze zu beenden. Inhaltlich dient der Gesang dem Aufruf zum Gebet, was in islamisch geprägten Ländern allgegenwärtig ist, in westlichen Kulturkreisen jedoch ungewohnt. Sonne, Tuch, Gebetsruf; das bald völlig gentrifizierte Tarlabaşı erfüllt hier den Keller mit dem Eindruck einer anderen Kultur und von Wärme. Die poetischen Bilder des Tuches im Sonnenschein erhalten mit dem Wissen um die erzwungene Veränderung ganzer Viertel in der Metropole Istanbul eine melancholische Note. Der in der Vergangenheit liegende Moment lebt wieder auf, wird jedoch im selben Augenblick entrückt durch die verzerrte Raumwahrnehmung der beiden Keller. Dadurch wird eine zeitliche Verbindung des Vergangenheit transportierenden Bildes und der spezifischen architektonischen Situation im Projektionsraum eingegangen. (...)
Text: Samira Yildirim

Auszug aus von Keller zu Keller
// english version see from basement to basement

 

 



über_Tarlabaşı, 2013, 5-Kanal-Videoinstallation, Sound (während der Blauen Nacht Nürnberg)
// above_Tarlabaşı, 2013, 5-channel-video-projection, sound

 

© Denise Winter